Es ist schon erstaunlich, wie weit wir gekommen sind. Wir können mit einem kleinen Gerät in der Hosentasche nahezu jeden Menschen auf der Welt erreichen, unsere Bankgeschäfte vom Sofa aus erledigen und auf dem Fernseher zwischen Tausenden Filmen wählen. Navigationssysteme zeigen uns den Weg, manche Uhren zeichnen unseren Schlaf auf und inzwischen beantwortet uns sogar eine künstliche Intelligenz Fragen, für die wir früher ein Lexikon gebraucht hätten.
Technisch betrachtet ist das ein gewaltiger Fortschritt.
Und trotzdem erlebe ich in meinem Berufsalltag immer häufiger Menschen, die vor ihrem Fernseher sitzen und nicht mehr wissen, wie sie das Erste einschalten sollen.
Wie passt das zusammen?
Ich beschäftige mich seit 25 Jahren beruflich mit Technik und vor allem mit den Menschen, die sie benutzen. Dabei habe ich viele Veränderungen erlebt. Geräte sind leistungsfähiger, schneller und in mancher Hinsicht auch einfacher geworden. Gleichzeitig beobachte ich aber, dass immer mehr Menschen den Überblick verlieren. In meiner Beratung begegnet mir diese digitale Überforderung besonders bei älteren Menschen. Fehlendes Interesse an Technik ist dabei keineswegs die einzige Erklärung.
Das eigentliche Problem ist nach meiner Erfahrung nicht unbedingt die Schwierigkeit einer einzelnen technischen Aufgabe. Es ist die schiere Menge an Geräten, Funktionen, Einstellungen, Zugängen und ständigen Veränderungen, mit denen wir heute konfrontiert werden.
Und zunehmend stellt sich mir die Frage, ob wir überhaupt noch Technik für Menschen entwickeln – oder Menschen dazu erziehen wollen, sich gefälligst unserer Technik anzupassen.
Wenn der Fernseher seinen Besitzer überfordert
Erinnern wir uns einmal an die 1990er-Jahre. Ein Telefon war zum Telefonieren da. Ein Fernseher zum Fernsehen. Man drückte auf eine Taste und bekam ein Fernsehprogramm. Wer wollte, konnte die Senderreihenfolge ändern. Wer nicht wollte, ließ es bleiben.
Heute begrüßt uns mancher Smart-TV mit einer Oberfläche, die eher an ein Einkaufszentrum erinnert. Streamingdienste, Empfehlungen, Apps, Werbung und allerlei Angebote buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Dazwischen versteckt sich irgendwo die Funktion, derentwegen man das Gerät ursprünglich gekauft hat: Fernsehen.
Natürlich ist es großartig, dass moderne Fernseher so viel können. Nur möchte eben nicht jeder alles nutzen.
Warum kann ich als Käufer nicht einfach selbst entscheiden, welche Funktionen auf meinem Startbildschirm erscheinen sollen? Warum lassen sich bestimmte Apps und Angebote nicht dauerhaft entfernen? Und warum müssen Hersteller mit Softwareaktualisierungen immer wieder etwas verändern, das gestern noch wunderbar funktioniert hat?
Bei manchen Geräten lassen sich Oberflächen durchaus anpassen. Aber häufig nur innerhalb der Grenzen, die der Hersteller vorgibt.
Wer sich mit Technik beschäftigt, findet meistens einen Weg. Wer jedoch mehrere Wochen gebraucht hat, um die Bedienung zu erlernen, empfindet eine neue Menüführung nicht unbedingt als willkommenen Fortschritt.
Im Gegenteil. Ein Teil der mühsam erlernten Bedienung passt plötzlich nicht mehr.
Was für den Entwickler eine modernisierte Benutzeroberfläche ist, kann für einen älteren Menschen bedeuten, wieder ganz von vorne anfangen zu müssen.
Smartphone im Alltag: gekauft, eingerichtet und trotzdem überfordert
Ähnliches erlebe ich bei Smartphones.
Viele Geräte sind bereits beim ersten Einschalten mit einer Vielzahl von Anwendungen ausgestattet. Manche sind nützlich, andere werden vom Besitzer niemals gebraucht. Je nach Gerät lassen sich manche davon nicht vollständig entfernen, sondern nur deaktivieren oder ausblenden.
Dass hinter vorinstallierten Diensten und prominenten Platzierungen auch kommerzielle Interessen stehen können, dürfte niemanden überraschen. Hersteller, Plattformbetreiber und Softwareanbieter verfolgen schließlich wirtschaftliche Ziele.
Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Problematisch wird es, wenn diese Interessen die Bedürfnisse der Menschen überlagern.
Ein älterer Mensch möchte vielleicht telefonieren, Nachrichten schreiben, Fotos machen, gelegentlich im Internet nachsehen und mit seinen Enkeln über WhatsApp kommunizieren. Dafür braucht er keine unübersichtliche Sammlung von Anwendungen, Konten und Benachrichtigungen.
In meiner Praxis begegne ich immer wieder Smartphones, die nur oberflächlich eingerichtet wurden. Die SIM-Karte wird eingesetzt, die ersten Schritte werden durchgeführt, vielleicht werden noch Kontakte übertragen. Damit gilt das Gerät als betriebsbereit.
Doch betriebsbereit ist nicht dasselbe wie alltagstauglich.
Eine wirklich gute Einrichtung beginnt für mich mit der Frage, was der Mensch mit seinem Gerät überhaupt machen möchte. Welche Funktionen braucht er? Was kann er bereits? Wo benötigt er Unterstützung? Und wie lässt sich das Gerät so einrichten, dass er es anschließend möglichst selbstständig nutzen kann?
Das ist keine Frage des Alters, sondern guter Beratung.
Manchmal wäre weniger tatsächlich mehr.
Wer einzelne Bedienungsschritte in Ruhe nachlesen möchte, findet bei LDB modellbezogene Smartphone-Anleitungen, die jeden Schritt im Bild zeigen.
Wenn der Fortschritt eine Rechnung schickt
Besonders ärgerlich wird es, wenn technische Veränderungen nicht nur Nerven, sondern auch Geld kosten.
Windows ist dafür ein gutes Beispiel. Microsoft hat leistungsfähige Betriebssysteme geschaffen. Zugleich verteilen sich Einstellungen auf unterschiedliche Bereiche. Und auch Aktualisierungen, die Fehler beheben oder die Sicherheit verbessern sollen, können im Einzelfall neue Probleme verursachen.
Ich erlebe immer wieder, dass Kunden wegen Schwierigkeiten Hilfe benötigen, die nicht durch eigenes Fehlverhalten entstanden sind.
Ein Update funktioniert nicht wie vorgesehen. Ein Drucker wird plötzlich nicht mehr erkannt. Eine vertraute Einstellung ist verschwunden.
Dann kommt der Techniker.
Und natürlich muss dessen Arbeit bezahlt werden. Fachkenntnisse, Arbeitszeit und Betriebskosten gibt es nicht zum Nulltarif. Trotzdem ist es für den Kunden viel Geld, wenn ein Computer, der gestern noch problemlos funktionierte, plötzlich kostenpflichtige Hilfe benötigt.
Auch bei vermeintlich defekten Geräten zeigt sich, wie wichtig Beratung ist. Nicht jeder langsame Laptop ist ein Fall für den Elektroschrott. Nicht jedes Softwareproblem rechtfertigt den Kauf eines neuen Computers.
Manchmal lässt sich mit überschaubarem Aufwand noch jahrelang sinnvoll weiterarbeiten. Voraussetzung ist allerdings, dass Betriebssystem und wichtige Programme weiterhin angemessen mit Sicherheitsupdates versorgt werden. Der reguläre Support für Windows 10 endete am 14. Oktober 2025; für eine Weiternutzung muss der konkrete Update- und Unterstützungsstatus geprüft werden.
Der technisch neueste Zustand ist nicht zwangsläufig der beste Zustand für den Menschen, der das Gerät benutzt.
Digitale Überforderung und die Angst, etwas falsch zu machen
Was mich an dieser Entwicklung besonders beschäftigt, sind weniger die technischen Schwierigkeiten selbst als deren Folgen.
Viele Menschen verlieren nach wiederholten Misserfolgen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Sie haben sich vielleicht gerade erst überwunden, das Online-Banking auszuprobieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert es endlich. Sie kennen den Anmeldeweg, wissen, wo sie ihren Kontostand finden, und können ihre Überweisungen erledigen.
Dann verändert die Bank ihre Oberfläche.
Wieder sieht alles anders aus. Wieder beginnt die Suche. Vielleicht verlangt das System eine zusätzliche Bestätigung oder ein Passwort, das seit Monaten nicht mehr eingegeben werden musste.
Was für den Anbieter eine Verbesserung darstellen mag, wird für den Kunden zur nächsten Bewährungsprobe.
Mitunter reichen Kleinigkeiten, damit Menschen an sich selbst zweifeln.
Das gilt auch für E-Mail-Postfächer. Selbst ich muss mich bei manchen Anbietern gelegentlich durch Anmeldeseiten und Weiterleitungen arbeiten, deren Aufbau sich mir nicht auf Anhieb erschließt. Besonders bei der Telekom habe ich solche Situationen wiederholt erlebt.
Und ich beschäftige mich beruflich mit Technik.
Wie soll sich erst jemand fühlen, der sich ohnehin nur selten an solche Vorgänge wagt?
Aus Unsicherheit wird irgendwann Vorsicht. Aus Vorsicht kann Vermeidung werden. Und eines Tages verzichtet jemand lieber auf eine eigentlich nützliche Dienstleistung, als erneut vor einem Bildschirm zu sitzen und nicht weiterzuwissen.
Das ist kein persönliches Versagen. Es ist auch eine Folge davon, wie wir digitale Angebote gestalten.
Datenschutz – oder die Kunst, Menschen vom Internet fernzuhalten
Ein besonders widersprüchliches Kapitel ist der Datenschutz.
Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Mensch möchte eine Webseite besuchen, vielleicht einen Zeitungsartikel lesen oder sich über die Öffnungszeiten eines Geschäfts informieren. Stattdessen erscheint zunächst ein Fenster mit Einwilligungen, Auswahlmöglichkeiten, Datenschutzhinweisen und Einstellungen.
Alles im Dienste des Datenschutzes. Jedenfalls sieht es für den Besucher so aus.
In meiner täglichen Praxis erlebe ich ältere Menschen, die an genau dieser Stelle aufgeben. Sie wissen nicht, was sie auswählen sollen, haben Angst, etwas falsch zu machen, und schließen die Seite wieder.
Natürlich ist Datenschutz wichtig. Niemand möchte, dass persönliche Informationen nach Belieben gesammelt, ausgewertet oder verkauft werden.
Aber haben wir bei all den Regelungen auch ausreichend daran gedacht, wie Menschen damit umgehen sollen?
Juristisch betrachtet ist die Sache komplizierter, als sie oft dargestellt wird. Nicht für jede Webseite ist ein Cookie-Banner vorgeschrieben. Nach § 25 TDDDG benötigen das Speichern oder Auslesen von Informationen auf einem Endgerät grundsätzlich eine Einwilligung. Es gibt Ausnahmen, insbesondere für unbedingt erforderliche Vorgänge eines ausdrücklich gewünschten Dienstes. Für personenbezogene Daten ist zusätzlich die Datenschutz-Grundverordnung zu beachten. Und selbstverständlich liegt ein Teil der Verantwortung bei Unternehmen, die möglichst viele Daten erfassen möchten.
Das ändert jedoch nichts am Ergebnis: Der normale Internetnutzer wird mit Entscheidungen konfrontiert, die er häufig kaum beurteilen kann.
Und während wir auf der einen Seite Menschen zur Digitalisierung ermutigen wollen, stellen wir ihnen auf der anderen Seite neue Hürden in den Weg.
Auch für kleine Unternehmen ist das ein Problem. Wer eine gewerbliche Webseite betreiben möchte, muss sich mit rechtlichen Anforderungen beschäftigen, die ohne fachkundige Unterstützung nicht immer leicht zu überblicken sind. Besonders für ältere Selbstständige kann das abschreckend wirken.
Da werden Datenschutzerklärungen mit erheblichem Aufwand erstellt. Wie viel Orientierung sie einem unsicheren Besucher tatsächlich geben, ist für mich eine andere Frage.
Ein bemerkenswerter Zustand: Wir investieren immer mehr Mühe darin, Informationen bereitzustellen, die viele Menschen weder verstehen noch lesen möchten.
Vielleicht sollten wir weniger darüber nachdenken, wie wir noch mehr Hinweise unterbringen, und mehr darüber, wie wir den Umgang mit persönlichen Daten tatsächlich einfacher und verständlicher machen.
Für alle, die vor einer solchen Auswahl stehen, erklärt unser Ratgeber Cookies akzeptieren oder ablehnen die Möglichkeiten anhand konkreter Banner.
Wenn an der Haustür der Fortschritt klingelt
Nicht jede Überforderung beginnt vor einem Bildschirm.
Manchmal steht sie direkt vor der Haustür.
Gerade in Wohnsiedlungen begegnen mir immer wieder die Folgen von Verträgen, die durch Vertreter an der Haustür vermittelt wurden. Darunter sind Fälle mit selbstständigen Vertriebspartnern oder beauftragten Vermittlern, die nicht unmittelbar beim beworbenen Anbieter angestellt sind.
Da wird ein neuer Internetanschluss angeboten, ein günstigerer Tarif versprochen oder eine technische Verbesserung in Aussicht gestellt.
Der Kunde unterschreibt.
Ob die Umstellung anschließend wirklich gelingt, steht im Verkaufsgespräch nach meiner Erfahrung nicht immer ausreichend im Mittelpunkt.
In meiner Praxis sehe ich Fälle, in denen der alte Anschluss weiterläuft, während der neue Vertrag längst besteht. Die Rufnummer wurde nicht wie gewünscht übernommen, Kündigungsfristen wurden nicht ausreichend berücksichtigt oder der Kunde hat später am Telefon einer Rückgewinnung zugestimmt, ohne die Folgen für den bereits geschlossenen zweiten Vertrag zu überblicken.
Das Ergebnis sind mitunter Rechnungen für zwei Anschlüsse in einem Haushalt. Der Router des neuen Anbieters liegt unbenutzt im Schrank. Ob beide Zahlungsforderungen berechtigt sind, muss im jeweiligen Fall geprüft werden. Ein zweiter Vertragsabschluss ist schließlich nicht automatisch ein ordnungsgemäß beauftragter Anbieterwechsel.
Für einen ordnungsgemäß beauftragten Anbieterwechsel gibt es klare Vorgaben. Die Bundesnetzagentur erklärt den Ablauf und empfiehlt, Kündigung und Rufnummernmitnahme mit dem neuen Anbieter abzustimmen. Doch zwischen gesetzlichen Regeln und dem, was tatsächlich im Wohnzimmer des Kunden ankommt, kann eine erhebliche Lücke liegen.
Ähnliches erlebe ich bei Mobilfunkverträgen. Da werden zusätzliche Verträge abgeschlossen, obwohl bereits ein ausreichender Tarif vorhanden ist. Die SIM-Karte verschwindet in einer Schublade. Bezahlt wird trotzdem, manchmal über Jahre.
Ich möchte keineswegs sämtliche Verkäufer unter Generalverdacht stellen. Es gibt viele ehrliche, kompetente Händler, die ihre Kunden hervorragend beraten.
Aber gute Beratung bemisst sich nicht daran, wie viele Verträge abgeschlossen oder Geräte verkauft wurden.
Sie zeigt sich auch daran, ob ein Verkäufer bereit ist, einem Kunden von einem unnötigen Kauf abzuraten.
Das klingt selbstverständlich. Im provisionsorientierten Vertrieb ist es das leider nicht immer.
Digitalisierung ist mehr als ein Tablet auf dem Schultisch
Auch gesellschaftlich haben wir uns den Umgang mit Technik nicht immer leicht gemacht.
Wenn ich auf manche Verwaltungsabläufe und die Debatten der vergangenen Jahre schaue, bleibt bei mir der Eindruck, dass wir lange über Digitalisierung gesprochen haben, ohne den Alltag ausreichend zu vereinfachen.
Inzwischen soll nach meinem Eindruck vieles möglichst schnell nachgeholt werden.
Nur entsteht durch Zeitdruck nicht zwangsläufig eine durchdachte Lösung.
Bis vor wenigen Jahren konnte man gelegentlich den Eindruck gewinnen, Digitalisierung im Bildungswesen bedeute vor allem, möglichst viele Tablets anzuschaffen.
Ein Tablet macht aber noch keinen modernen Unterricht. Ebenso wenig macht ein Onlineformular automatisch eine bürgerfreundliche Verwaltung.
Entscheidend sind die Abläufe dahinter, die sinnvolle Verknüpfung von Informationen und die Frage, ob etwas für die Beteiligten tatsächlich einfacher wird.
Hier sehe ich ein grundsätzliches Problem: Wir diskutieren gerne über neue Technik, aber zu selten darüber, was sie im Alltag der Menschen verbessern soll.
Für mich ist das keine Frage einzelner Parteien. Es ist Ausdruck einer Haltung, die technischen Veränderungen zunächst skeptisch begegnet und später versucht, versäumte Entwicklungen mit großem Aufwand aufzuholen.
Die Menschen, die mit den Ergebnissen leben müssen, werden dabei nicht immer ausreichend mitgenommen.
Besonders bedenklich wird es, wenn Digitalisierung zur Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe wird. Digitale Teilhabe bedeutet für mich, die Möglichkeiten tatsächlich nutzen zu können, statt lediglich einen Zugang angeboten zu bekommen.
Ich verstehe, dass Banken und andere Unternehmen auf digitale Geschäftsmodelle setzen. Daraus folgt für mich aber nicht, dass jeder Mensch jede dieser Veränderungen problemlos bewältigen kann.
Anders sieht es bei grundlegenden staatlichen Leistungen aus.
Wer einen behördlichen Vorgang erledigen muss, sollte auch künftig einen zumutbaren Weg haben, wenn er kein Smartphone besitzt oder kein digitales Benutzerkonto bedienen kann.
Dasselbe Problem stellt sich bei der Versorgung mit Bargeld. Mit jeder geschlossenen Bankfiliale kann sich der Alltag für Menschen erschweren, die nicht auf Online-Banking ausweichen möchten oder können.
Niemand muss die Digitalisierung aufhalten. Aber wir sollten darauf achten, dass sie nicht zu einem Zwang wird, dem sich Menschen unabhängig von ihren Möglichkeiten unterwerfen müssen.
Fortschritt sollte Menschen neue Wege eröffnen, nicht die bisherigen vorschnell versperren.
Wenn niemand mehr da ist, den man fragen kann
Ein weiterer Aspekt wird in der öffentlichen Diskussion häufig unterschätzt: die fehlende Unterstützung im persönlichen Umfeld.
Gerade in den neuen Bundesländern erlebe ich immer wieder ältere Menschen, deren Kinder längst weit entfernt wohnen. Sie haben in anderen Regionen Arbeit gefunden, leben in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder im Ausland.
Die Eltern sind in ihrer Heimat geblieben.
Natürlich können Kinder telefonisch helfen. Doch wer schon einmal versucht hat, einem verunsicherten Menschen aus mehreren Hundert Kilometern Entfernung die Einstellungen eines Routers zu erklären, weiß, wie schnell diese Hilfe an Grenzen stößt.
Auch der Bekanntenkreis kann nicht jedes Problem lösen. Häufig haben Freunde und Nachbarn mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen.
Besonders sensibel wird die Situation, wenn ein Lebenspartner verstirbt.
In vielen Haushalten hat sich über Jahrzehnte eine klare Aufgabenverteilung entwickelt. Einer war für die Technik, die Verträge oder den Computer zuständig. Der andere hatte damit wenig zu tun, weil es schlicht nicht notwendig war.
Plötzlich fehlt dieser Mensch.
Nun müssen Verträge umgeschrieben, Zugänge gefunden und Geräte bedient werden, die vorher selbstverständlich funktionierten. Manchmal wird sogar der Eindruck erweckt, für die Übernahme eines Vertrags sei ein neuer Abschluss notwendig, obwohl zunächst geprüft werden müsste, welche Möglichkeiten tatsächlich bestehen.
Nicht selten möchte der verbliebene Partner mit dem Computer des Verstorbenen überhaupt nichts mehr zu tun haben.
In einer solchen Situation geht es um weit mehr als technische Kenntnisse. Ein Mensch, der gerade einen schweren Verlust erlitten hat, sollte nicht auch noch gezwungen sein, innerhalb weniger Wochen zum Experten für Telekommunikation, Passwörter und Computer zu werden.
Hier braucht es Geduld, Verständnis und praktische Unterstützung.
Wenn aus jeder Nachricht eine Bedrohung wird
Natürlich gibt es im Internet reale Gefahren.
Betrüger nutzen gefälschte Webseiten, manipulierte Werbung, Nachrichten über Messenger und fingierte Anrufe, um Menschen um ihr Geld zu bringen. Ältere Menschen können dabei besonders verletzlich sein, etwa wenn ihnen Erfahrung mit bestimmten digitalen Abläufen fehlt oder sie in einer ungewohnten Situation unter Druck gesetzt werden.
Gerade deshalb ist Aufklärung wichtig. Wie sich manipulierte Meldungen erkennen lassen, zeigen wir etwa im Beitrag über gefälschte Viruswarnungen auf dem Handy.
Was mich allerdings stört, ist die Art, wie häufig über diese Themen berichtet wird.
Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk begegnen mir Beiträge, die aus meiner Sicht technische Zusammenhänge zu stark vereinfachen oder Gefahren nicht ausreichend einordnen. Nicht jeder journalistische Beitrag kann tief in die Technik einsteigen. Das muss er auch nicht. Aber wer vor Betrugsmaschen warnt, sollte verständlich erklären können, wie sie funktionieren, wen sie betreffen und woran man sie erkennt.
Stattdessen bleibt beim Zuschauer mitunter nur die Botschaft hängen, dass im Internet überall Gefahren lauern.
Natürlich gibt es auch hervorragende Aufklärungsangebote. Doch insgesamt wünsche ich mir eine ausgewogenere Berichterstattung.
Warum zeigen wir nicht häufiger ältere Menschen, die ihre Technik hervorragend beherrschen? Warum berichten wir nicht ebenso selbstverständlich über die Chancen, über gelungene digitale Selbstständigkeit und über Menschen, deren Alltag durch Technik leichter geworden ist?
Angst erzeugt Aufmerksamkeit. Sie kann aber auch dazu führen, dass Menschen ausgerechnet die Möglichkeiten meiden, die ihnen helfen könnten.
Gute Aufklärung sollte weder verharmlosen noch unnötig verängstigen.
Sie sollte Menschen befähigen.
Digitale Teilhabe im Alter: mit über 90 mitten im Leben
Denn die andere Seite kenne ich aus meiner täglichen Arbeit mindestens ebenso gut.
Ich betreue Menschen weit über 80, gelegentlich sogar über 90 Jahre, die ganz selbstverständlich mit moderner Technik umgehen.
Sie bestellen im Internet, nutzen ihre Smartphones, organisieren Fotos und Dokumente, legen Fotoalben an, bearbeiten Videos, erstellen Sicherheitskopien und haben auf ihren Computern eine Ordnung, von der sich mancher deutlich jüngere Nutzer etwas abschauen könnte.
Manchmal werde ich wegen eines vermeintlich größeren Problems gerufen und stelle fest, dass lediglich eine kleine Einstellung korrigiert werden muss.
Im Gespräch zeigt sich dann, wie selbstständig und kompetent diese Menschen seit Jahren mit ihren Geräten umgehen.
Was ihnen gelegentlich fehlt, ist nicht das technische Wissen, sondern die Bestätigung.
Jemand, der sich ihre Arbeit anschaut und sagt: Das machen Sie doch hervorragend. Machen Sie ruhig so weiter.
Gerade ältere Menschen hören häufig, wie kompliziert und gefährlich die digitale Welt sei. Dabei verdienen diejenigen, die sich über Jahre erfolgreich mit ihr auseinandersetzen, vor allem Anerkennung.
Hinzu kommt etwas, das wir leicht übersehen.
Viele ältere Menschen sind gesundheitlich eingeschränkt und können ihre Wohnung nicht mehr so selbstverständlich verlassen wie früher. Der Computer ist für sie deshalb kein beliebiger Zeitvertreib.
Er ist ein Zugang zur Außenwelt.
Sie können mit Freunden sprechen, Nachrichten austauschen, ihren Interessen nachgehen, einkaufen oder mit Familienangehörigen in Verbindung bleiben.
Für manche bedeutet der Umgang mit Technik ein erhebliches Stück persönlicher Freiheit.
Wer solche Menschen erlebt, wird kaum auf die Idee kommen, das Alter allein entscheide über digitale Fähigkeiten.
Vertrauen lässt sich nicht installieren
Was unterscheidet nun Menschen, die mit ihrer Technik zufrieden sind, von jenen, die sich zunehmend zurückziehen?
Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die persönlichen Voraussetzungen, Erfahrungen und Interessen.
Aber eine Beobachtung mache ich seit vielen Jahren: Es hilft ungemein, wenn Menschen wissen, dass sie im Problemfall nicht allein sind.
Dabei muss es nicht zwangsläufig ein Angehöriger sein. Es kann auch ein vertrauter Techniker sein, der zuhört, erreichbar ist und sich um die Angelegenheit kümmert.
Wichtig ist, dass Hilfe nicht nur theoretisch existiert.
Wer plötzlich keinen Zugang mehr zu seinen E-Mails hat oder befürchtet, Opfer eines Betrugs geworden zu sein, möchte nicht erst in einer Woche einen Ansprechpartner erreichen. Manche Menschen beschäftigt ein solches Problem bis tief in die Nacht.
Allein die Gewissheit, jemanden anrufen zu können, nimmt oft schon einen erheblichen Teil der Sorge.
Und nach meiner Erfahrung ist es besonders hilfreich, wenn der Ansprechpartner nicht ausschließlich für ein einzelnes Gerät zuständig ist, sondern den technischen Alltag als Ganzes versteht.
Denn Fernseher, Router, Computer, Smartphones und Verträge sind längst miteinander verbunden. Wer hier nur einzelne Geräte betrachtet, übersieht mitunter die eigentliche Ursache eines Problems.
Aus solchen Begegnungen entstehen über Jahre vertrauensvolle Beziehungen.
Interessanterweise spielt der Preis für viele Kunden dabei eine geringere Rolle, als man zunächst vermuten würde. Natürlich möchte niemand unnötig Geld ausgeben. Aber verständliche Beratung, verlässliche Hilfe und das gute Gefühl, ernst genommen zu werden, sind für viele Menschen wichtiger als der letzte gesparte Euro.
Vertrauen lässt sich eben nicht mit einem Softwareupdate nachinstallieren.
Vielleicht müssen wir Fortschritt wieder anders betrachten
Ich möchte nicht in eine Zeit zurück, in der ein Telefon nur telefonieren konnte und ein Fernseher fünf Programme empfing.
Dafür sind die Möglichkeiten moderner Technik viel zu wertvoll.
Aber ich wünsche mir, dass wir uns bei aller Begeisterung für das technisch Machbare wieder häufiger fragen, was ein Mensch davon tatsächlich braucht.
Nicht jeder muss mit künstlicher Intelligenz arbeiten, auf seinem Smartphone zwanzig Apps verwalten oder sämtliche Bankgeschäfte digital erledigen.
Und wer mit 85 Jahren seine Fotos bearbeitet, im Internet einkauft und über sein Smartphone Freundschaften pflegt, muss sich von niemandem erklären lassen, er sei für moderne Technik zu alt.
Beides darf nebeneinander existieren.
Die Aufgabe der Hersteller wäre es, Geräte zu entwickeln, die sich stärker an den Bedürfnissen ihrer Besitzer orientieren. Händler sollten genauer zuhören und nicht jede Schwierigkeit als Verkaufsgelegenheit verstehen. Politik und Verwaltung müssen darauf achten, dass Digitalisierung gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, statt neue Hürden aufzubauen.
Und wir alle sollten etwas geduldiger mit Menschen umgehen, die eine Technik nicht auf Anhieb verstehen.
Denn am Ende ist nicht entscheidend, wie viele Funktionen ein Gerät besitzt, wie leistungsfähig sein Prozessor ist oder welche neue Softwareversion gerade veröffentlicht wurde.
Entscheidend ist, ob der Mensch damit das tun kann, was er tun möchte.
Nach 25 Jahren Berufserfahrung im Umgang mit Technik bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass die beste technische Lösung nicht zwangsläufig die modernste, teuerste oder umfangreichste ist.
Es ist diejenige, mit der ein Mensch gut leben kann.
Vielleicht wäre es an der Zeit, Fortschritt wieder etwas häufiger daran zu messen.
Einordnung und Quellen
Dieser Beitrag ist ein persönlicher Kommentar von Steffen Müller. Die geschilderten Beratungserfahrungen sind persönliche Beobachtungen und keine repräsentative Erhebung.
- § 25 TDDDG – Informationen auf Endgeräten und Einwilligung
- Bundesnetzagentur – Anbieterwechsel und Rufnummernmitnahme
- Microsoft – Supportende von Windows 10
- Bitkom Research, 15. Juni 2026 – Befragung zur digitalen Überforderung
Weitere verständliche Hilfen finden Sie unter Digitales Wissen.

Ein persönlicher Kommentar von Steffen Müller · LDB – Lernzentrum für digitale Bildung · Etwa 18 Minuten Lesezeit
Gedanken aus 25 Jahren Berufserfahrung mit Technik und den Menschen, die sie benutzen.